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Fr ◊ 3.4.2020
Hochschule für Musik und Darstellende Kunst

Der Reservist
von Thomas Depryck
Premiere

Fr ◊ 17.4.2020
Junges LT Linz

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Premiere

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von Peter H. Gogolin/ Dino Buzzati
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© privat

Corona-Tagebücher (1)

von Andrea Maria Schenkel

In diesen so außergewöhnlichen Zeiten möchten wir ab sofort eine neue Reihe starten. In unseren CORONA-TAGEBÜCHERN gewähren unsere Autor*innen Einblicke in ihr derzeitiges Leben und ihre Gedanken rund um Social Distancing, Selbstisolation und Quarantäne.
Es beginnt heute mit Folge 1 unsere Autorin Andrea Maria Schenkel, die mit TANNÖD und weiteren erfolgreichen Titeln bei uns vertreten ist.

„Am Mittwoch vor einer Woche habe ich meine Tochter zum Flughafen gebracht. Sie war für zehn Tage zu Besuch. Nie zuvor habe ich den John F Kennedy Airport so menschenleer gesehen. Ich habe meiner Tochter nachgeschaut, als sie durch die Security ging. Sie winkte mir ein letztes Mal zu. Ich bin geblieben. Ich hatte sie längst nicht mehr im Blick, aber ich bin geblieben, nur um irgendwann doch zu gehen.
Ich bin immer noch in Larchmont, New York. Ich stehe jeden Tag um sechs Uhr auf und während ich meinen Kaffee trinke, blicke ich aus dem Fenster hinunter auf die Straße. Seit dieser Woche hat der Starbucks gegenüber nur mehr take out. Mit jedem Tag sind die Kunden weniger geworden. Ein Laden nach dem anderen hat geschlossen. Normalerweise hetzen um diese Zeit die ersten zu den Pendlerzügen in die Stadt. Nun ist keine Menschenseele zu sehen.
Die meisten arbeiten im home-office, wie James, mein Partner. Ich bin also in Gesellschaft. Warum bin ich noch hier? Ich rede mir ein, ich wollte ihn nicht alleine lassen. Ich weiß nicht, ob es stimmt oder ob es nur eine Ausrede ist, um mich selbst von der Richtigkeit meiner Entscheidung zu überzeugen. Ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt eine Entscheidung getroffen habe oder mich einfach nur habe treiben lassen.
Vor zwei Wochen gab es den ersten Corona-Verdachtsfall an meiner Universität. Seit einer Woche ist das John Jay College of Criminal Justice geschlossen. Alle Kurse wurden auf online, oder wie sie hier sagen distant learning umgestellt. Seit gestern zoome ich im Live-Chat mit meinen Dozenten und den Kommiliton*innen. Die Vorlesungen unterscheiden sich im Wesentlichen nicht von denen in Seminarräumen, nur dass wir alle in verschiedenen Zimmern und an Schreibtischen oder auf Betten sitzen, und dass mein Professor am Ende der Vorlesung für einen kurzen Moment vergessen hatte, dass er nicht telefoniert, sondern im Videogespräch ist, als er sich zurücklehnte und die Beine auf seinen Schreibtisch legen wollte. Er hat es in letzter Sekunde bemerkt. Ich weiß jetzt, dass eine meiner Mitstudentinnen einen Hund und mein Professor eine Tierhaarallergie hat. Eine Kommilitonin liebt Mangas und ein anderer, der meist sehr verschlossen in der hinteren Reihe saß, arbeitet seit einiger Zeit an seinem ersten Comic. Ich erfahre Dinge, die ich so nicht über sie erfahren hätte. Ich bin überrascht, dass fast jeder Angela Merkels Ansprache verfolgt hat und jeder ihren Aussagen mehr vertraut, als denen der eigenen Regierung.
Am Nachmittag gehe ich ans Meer. Ich muss zumindest einmal am Tag das Haus verlassen. Ich mache Bilder von mir und dem Long Island Sound und schicke sie meinen Kindern. Ich ermahne meine erwachsenen Söhne mit dem Rauchen aufzuhören, sage meinen Kindern per Telefon, dass sie mehr Gemüse und Obst essen sollen und dass frische Luft und viel Schlaf das Immunsystem stärken.
Alles scheint fast normal und ist es doch nicht.“

Andrea Maria Schenkel