Michael Müller

Silly Boy Blue

Du kannst nicht Bowie sein

Das Stück "Silly Boy Blue - Du kannst nicht Bowie sein" beginnt in einer Konzerthalle, 1990, in Berlin: die Abschiedstournee von David Bowie. Die Freunde Albert und Dirk treffen sich durch Zufall in der Eingangshalle, die erste Begegnung nach ihrem Abitur in einer norddeutschen Kleinstadt im Sommer 1973. Bevor Dirk jedoch Albert anspricht, wagt er einen Blick zurück auf die letzten Jahre ihrer Freundschaft.
Die Binnenhandlung des Stückes spielt von 1970 bis 1973. Die beginnenden Siebziger galten als die Hochzeit des Glamrocks, den niemand besser und glaubhafter verkörperte als David Bowie in seiner fiktiven Bühnenfigur "Ziggy Stardust". Der intelligente junge Selbstdarsteller Albert verinnerlicht Bowies Lebensmodell bis an seine Grenzen. Bowie wird zum Fluchtpunkt aus seiner tristen Existenz. Alberts androgynes, sexuell freies, provokatives Auftreten und sein extravaganter Modestil beeindrucken Dirk. Albert lebt bei seiner Mutter, ist unehelich.
Dirk hingegen - sehr behütet aufgewachsen - wird immer deutlicher, dass er nicht etwa nur David Bowie verehrt, sondern auch Albert, der mit seinem metrosexuellen Rollenmodell für Dirk eine Brücke zu seinem unterdrückten Schwulsein schlägt.
Die beiden Außenseiter schließen sich zusammen und gründen eine Band; als regelmäßiger Treffpunkt dient das Dach eines Parkhauses. Dort oben entfliehen sie der Gleichförmigkeit und Enge von Schule und Familie, musizieren und planen ihre glanzvolle Zukunft.
Als Albert beschließt, nach seinem Abitur nach Berlin zu gehen, um dort Karriere zu machen und "Glamour pur" zu werden, zerbricht die Freundschaft mit Dirk, als dieser in ihrer letzten gemeinsamen Nacht auf dem Parkdeck Albert küsst und klar wird, dass Albert seine Attitüde nur als Schutzwelt aufgebaut hat, um Nähe und Verletzungen zu vermeiden. Er kann nur Bowie lieben und Bowie leben.
Auf einer zweiten Ebene erzählt das Stück in der Rahmenhandlung (1990), welchen Lebensweg Albert und Dirk seit ihrer Trennung gegangen sind.
Denn in Berlin musste Albert feststellen, dass eine neue jugendliche, völlig entgegengesetzte Protestgeneration ihr Recht einfordert. Die Punkbewegung löst den Glamrock ab. Seine Vorgabe an sich selbst, ein Star zu werden, scheitert an seiner selbstverliebten Arroganz. Albert verliert sich, stürzt ab in Selbstmitleid und Drogen. Dirk sichert sich währenddessen ein Mainstreamleben als emanzipierter, gutsituierter Schwuler. Er ist es, der ihr gemeinsames Idol im Schwulencafé "Anderes Ufer" trifft, wo Bowie in seiner Berliner Zeit mit seiner Affäre Iggy Pop verkehrt. Am Ende des Stücks erkennen die beiden Männer, dass die Intensität ihrer Jugendfreundschaft, ihr Aufbruch in eine verheißungsvolle Zukunft und der Wunsch nach einem anderen Leben das Intensivste war, was sie je erlebt haben.
Darüber schreibt Dirk "den Song, den er niemals schrieb", einen Song über ihn und Albert und die unwiederbringbare Zeit der Jugend. Im Hintergrund hören wir, wie Bowie unter dem Jubel des Publikums nochmals als "Ziggy Stardust" die Show beginnt. (Michael Müller)

Jugend, Schauspiel – 2D 2H    frei zur UA
ab 16 Jahren

Altersempfehlung für Jugendliche und Erwachsene

Wenn Sie sich als Nutzer anmelden, können Sie hier online Ansichtsexemplare bestellen.