José Manuel Mora

Die verlorenen Körper

(Los cuerpos perdidos)

"Für manche Frauen wurde die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juárez in den Neunzigern zu einem der gefährlichsten Orte der Welt: Eine Stadt, in der die Freiheit herrschte, Frauen zu vergewaltigen, zu foltern und zu töten. Eine Stadt, in der Polizisten die Verbrecher deckten und falsche Schuldige an den Pranger stellten, während die Regierung wegzuschauen schien. Straflosigkeit war die gängige Praxis, vor allem, wenn die Täter mit den Mächtigen liebäugelten oder über genügend finanzielle Mittel verfügten, um sich sexuelle Zuneigung jeder Art zu erkaufen. Die Serie der reinen Frauenmorde in Ciudad Juárez ist zwar abgeklungen, die Gewalt in Mexiko aber eskaliert immer mehr, befördert von Straflosigkeit und Duldung einerseits, der Angst vor den Folgen öffentlicher Denunziation andererseits.
Das Theaterstück 'Die verlorenen Körper' spielt in Ciudad Juárez; die Frauenmorde sind Folie und roter Faden. Es geht dabei weder um Dokumentartheater, noch darum, einen Missstand mit erhobenem Zeigefinger zu verurteilen: ICH, spanischer Physikprofessor und Erzähler im Stück, nimmt eine Berufung an die Universität Ciudad Juárez an und wird selbst als Handlager in die Verbrechen verwickelt. In 'Die verlorenen Körper' geht es um unser Verhältnis zum Bösen, um das Böse und die Menschlichkeit, um eine Annäherung an das Wesen dieser 'dunklen Energie'." (Franziska Muche)

"Als ich in Mexiko ankam, fand ich zwei Schlüsselworte für die Arbeit an diesem Text: Schmerz und Erinnerung. Der Schmerz war mir immer als eine persönliche, intime und nicht übertragbare Erfahrung erschienen. Dagegen stellte sich mir die Erinnerung in Mexiko (fragen Sie mich nicht, warum) als übertragbare und kollektive Erfahrung dar. Deshalb nahm ich mir vor – das Risiko und die Herausforderung einer solchen Aufgabe in Kauf nehmend – den Schmerz des anderen zu aufzunehmen, der langwierig ist, natürlich und immer die Oberhand gewinnt, und ihn in eigene Erinnerung zu verwandeln, die kurzlebig ist, künstlich und fast immer im Verschwinden begriffen – um eine durch die Realität inspirierte Fiktion zu schaffen, über die Grausamkeit, das Böse, die Ungerechtigkeit und den Wahnsinn." (José Manuel Mora)

"Ein purer, feinsinniger und stimmiger Text, ein bedachtsames Spiel, Poesie, die zur Rohheit führt. [...] Die vorgeschlagene Reise nach Ciudad Juárez ist verheerend und inspirierend zugleich, unsere Führer sind die von José Manuel Mora gezeichneten Charaktere." (Radio Nacional Española)

"Aber nicht allein die Frage, unter welchen Bedingungen die Täter ihr Opfer nicht mehr als Mensch, als Person, sondern als Ware betrachten, die zu vernichten, zwar im Sinne des Kapitalismus dumm, aber eine Möglichkeit des rechtmäßigen Besitzers ist, sondern erst recht der Moment der Entmenschlichung der Täter selber sind Thema des Stückes. [...] So erreicht Mora mit 'Die verlorenen Körper' das höchste Stadium seiner Introspektion von männlichen Hauptfiguren und weiblichen Projektionen über Männer, indem das Stück nichts geringeres wagt, als eine konkrete politische Situation, die Verfilzung der Administration mit dem Verbrechen in Ciudad Juárez nachzuvollziehen und nicht etwa den Kämpfer gegen dieses Unrecht. [...] Unter den Tisch fallen soll aber nicht, dass Moras Stücke feinen Sinn für Humor aufweisen." (Dirk Laucke)

Schauspiel – 3D 4H    frei zur DSE

ÜbersetzungMuche, Franziska
OriginalspracheSpanisch
AufführungsgeschichteSzenische Lesung: 01.03.10, XV. Ciclo SGAE de Lecturas Dramatizadas, ES-Madrid, R: C. Ferrer
Werkstattinszenierung: 29.08./03.09.10, X. Festival de Dramaturgia Europea, CL-Santiago de Chile, R: M. Espinoza
Szenische Lesung: 13.07.11, Avignon off 2011: Voyages de mots en Méditerranée, FR-Avignon; R: D. Ferré
Werkstattinszenierung: 28.10./29.10.11, Sala Triángulo, ES-Madrid; R: C. Ferrer
ZusatzinformationBesetzungshinweis: Schauspielerangabe bei Mehrfachbesetzung
übersetzt ins Französische von David Ferré (Les corps perdus)
Auszeichnungen: 2009, Premio SGAE de teatro > 2012, European Theatre Today – The online catalogue of the 119 best contemporary European plays for the stage from 41 countries, European Theatre Convention

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