Ralf-Günter Krolkiewicz

Herbertshof

André Rosengold kehrt zurück in das Dorf, in dem seinem Großvater vor fünfzig Jahren etwas Schlimmes zugestoßen ist. Was das ist, bleibt zunächst unklar. Von den neuen Besitzern des Hofs seiner Großeltern wird er weggeschickt. Schnell spricht sich im Dorf herum, dass ein Jude da ist, um Ärger zu machen. Keiner will an die – anscheinend nicht sehr rühmliche – Vergangenheit erinnert werden. Nach und nach kommt aber die Wahrheit über das so lange Vergangene ans Licht, jeder erfährt Dinge, die er nicht wusste. Von Denunziation ist da die Rede und von Mord. Der Mob schaukelt die Aggressionen zur offenen Gewalt hoch. Am Ende ist von dem Schein der netten Dorfgemeinschaft nichts übrig, die schlecht verheilten Wunden sind aufgebrochen. Was bleibt, ist Ekel.
Krolkiewiczs Menschen erfinden sich eine eigene Sprache, um ihr Tun zu rechtfertigen. Die wirkliche Gefahr liegt darin, dass sie sich für gute Menschen halten, die sich lediglich nehmen, was ihnen zusteht. Nur manchmal haben sie klare Momente, in denen sie ahnen, was alles faul ist: „sie ham ne menge aufem buckel/ aber glaubense nich/ sie können das hier abladen/ bei uns/ ihrn schutt aus ihrer seele/ wir ham kein platz für so was/ uns reicht unser eigener dreck/ den wir vor der eignen tür kehrn“.
Ein Stück über den nie überwundenen Antisemitismus, aber auch über die „Unfähigkeit zu trauern“ und die Folgen dieser ausgebliebenen Verarbeitung: die immer lauernde Angst, das Verdrängte könne an die Oberfläche zurück kommen, das schlechte Gewissen und der daraus resultierende Hass auf die Opfer – weil diese einen an die eigene Schuld erinnern. Eine überzeugende Auseinandersetzung mit einem Stoff, der noch immer alle betrifft, deren Eltern oder Großeltern im Dritten Reich gelebt haben – und nie etwas davon erzählen.

"Ein böses Volksstück, mit dem Baden-Württembergischen Landespreis für Volkstheaterstücke ausgezeichnet, und in seiner poetischen Dichte und Bildhaftigkeit darf es schon mit Stücken von Kroetz oder Martin Sperr in einem Atemzug genannt werden." (Theater der Zeit, 01/2006)

Schauspiel, Volksstück – 3D 4H
Werkangabenzwanzig Szenen und ein altes Lied
ZusatzinformationAuszeichnung: 2005, Landespreis für Volkstheaterstücke, Baden-Württemberg
AufführungsgeschichteUA: 26.11.05, Hans Otto Theater, Potsdam; R: T. Sosinka
TSV-ID1052

Ein Ansichtsexemplar können Sie über theatertexte.de anfordern. Oder Sie nutzen unser .