Charles Way

Verschwunden

(Looking for Grethel)

Hans und Grete, zwei Geschwister, deren Leben sich schlagartig änderte, als ihre Mutter starb. Zwei Geschwister, die zusammenhalten müssen, seitdem ihre Stiefmutter in ihr Leben trat. Hans hat gelernt, dass er nicht mehr in die Schule gehen kann, sondern arbeiten muss, um seiner kleinen Schwester ein bisschen mehr Leben finanzieren zu können. Er stiehlt sogar für sie. Grete hat gelernt zu lächeln, dauerhaft. Das hat sie sich abgeschaut, so braucht keiner glauben, dass hinter diesem breiten Mädchengrinsen eine kleine Seele weint. Als eines Tages der Vater seinen Job in der Mine verliert, sieht die Stiefmutter all ihre Hoffnungen auf ein wohlhabenderes Leben dahin schwinden. Dumm ist sie aber nicht, ein neuer Plan ist schnell geschmiedet: Ihr Cousin soll Grete entführen, die Beute wird geteilt. Ein Mädchenleben zur eigenen Bereicherung, was ist das schon. Allerdings beobachtet Hans die Entführung, er ist aber nicht nah genug, um den Plan zu durchkreuzen. Polizei und Medien werden eingeschaltet. Eine Debatte um Armenviertel entbrennt. Die Bevölkerung sympathisiert mit der Familie und schickt Geld; der Stiefmutterplan scheint aufzugehen. Hans schafft es jedoch, durch einen Trick die Entführung zu beenden. Von diesem Zeitpunkt an hat das Leben für Hans und Grete mehr zu bieten, als Diebstahl und ein breites Dauergrinsen. Viel mehr.
Charles Way erzählt mit "Verschwunden" eine Geschichte um Vernachlässigung, Gier und Überforderung, ohne dabei im Betroffenheitsmeer zu versinken. Er schafft es, das altbekannte Märchenmotiv um Hänsel und Gretel in die Handlung einzuweben, primär jedoch seine eigene Geschichte zu vermitteln.

„Ways Stücke über moderne Miseren wie Armut oder Ausgrenzung treffen den Ton, weil die Figuren einfach erzählen, ohne anzuklagen.“ (Berner Zeitung, 17.11.10)

„Way lehnt seinen Blick lose an das Märchen von Hänsel und Gretel an und verbindet den Stoff mit dem Szenario einer Kindesentführung vor dem Hintergrund sozialer Verwahrlosung. [...] Der Text ist geschickt konstruiert. Es findet kaum Dialog statt, die Figuren erzählen die Handlung in abwechselnden Monologen. Das unterstreicht die Atmosphäre der Entfremdung und Ausgrenzung. [...] Schwerer Stoff, fesselnd umgesetzt – diese Produktion setzt Maßstäbe.“ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 02.12.08)

„Aus schierer Not würden Hänsel und Gretel heute nicht mehr im Wald ausgesetzt. Ungeliebte Kinder sind schon daheim auf sich selbst gestellt. Diese bittere Einsicht liegt der aktualisierten Fassung des bekannten Grimmschen Märchens zugrunde. [...] ’Looking for Gretel’ heißt die mit großem Beifall bedachte Uraufführung von Charles Way. Und schon in der Doppeldeutigkeit des Titels klingt an, worum es dem englischen Autor [...] in dieser Koproduktion mit dem walisischen Iolo Theatre geht. Nämlich um die heutige Ausprägung der Kinderarmut, die nicht Hunger, sondern Vernachlässigung bedeutet. Solche Kinder sind Opfer schleichender sozialer Verelendung. Ihre Eltern versagen ihnen Zuwendung und Sicherheit im Alltag, weil sie selbst keinen Halt mehr haben. [...] [D]er Autor vermeidet [...] penetranten Naturalismus. Soziales Elend wird nicht breit getreten, sondern angedeutet. [...] Das Ende nach erfolgreicher Befreiung bleibt offen. Aber Hänsel und Gretel haben entdeckt, dass es mit Hilfe der eigenen Tatkraft, mit Verstand und Phantasie, auch in der misslichsten Lage einen Ausweg gibt. Das lässt hoffen. Und mit dieser Hoffnung entlässt dieses denkwürdige, anspruchsvolle Gedankenspiel für Jugendliche ab zwölf Jahren sein Publikum.“ (Recklinghäuser Zeitung, 02.12.08)

„Ways Stücke über moderne Miseren wie Armut oder Ausgrenzung treffen den Ton, weil die Figuren einfach erzählen, ohne anzuklagen.“ (Berner Zeitung, 17.11.10)

„Die unkonventionellen Jugendstücke des 55-jährigen verhandeln schwere Themen wie Tod, soziale Verwahrlosung und Kindsentführung in einer einzigartigen Mischung aus Erzählung, erzähltem und gespieltem Dialog. ’Wo ist Gretel?’, eine moderne Version von Hänsel und Gretel, handelt vom Verschwinden eines Mädchens, aber auch vom Verschwinden von Märchen. Denn die werden in der sozial verwahrlosten Welt des Stücks schon längst nicht mehr erzählt. [...] Way lässt die vier Figuren des Stücks die Geschichte sehr genau, in beinahe sachlicher Distanz, wiedergeben. In harten Strichen wird nachgezeichnet, was die vier Leben für immer verändert.“ (Der Bund, 13.11.10)

Kinder – 2D 2H
ab 10 Jahren
ÜbersetzungEhlers, Anke
OriginalspracheEnglisch
AufführungsgeschichteUA: 30.11.08, Consol Theater, Gelsenkirchen; R: A. Kramer
SE: 11.11.10, Theater Eiger Mönch & Jungfrau, Worb; im Schlachthaus Theater Bern (Titel: Wo ist Gretel?); R: B. Bühler
ZusatzinformationAuszeichnungen: 2010, Deutscher Kindertheaterpreis
TSV-ID1292

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